Über das Sterben
01.07.2007, 12:32 Uhr
Einer der wesentlichen Unterschiede zwischen Provinz und Stadt ist, dass im Ländlichen deutlich schneller und brutaler gestorben wird. Natürlich kann sich auch in der Stadt das Ableben durch Verkehrsunfälle beschleunigen, und auch in der Provinz kennt man heimtückische Krankheiten, die den Körper langsam aber sicher zerfressen. Der rasche und plötzliche Tod ist jedoch ausschließlich eine Sache der Provinz. Der Grund hierfür liegt in den bisweilen riesigen und unheimlichen Gerätschaften, die es in der Provinz zu Hauf gibt. Eigentlich sollten sie das Arbeiten erleichtern, doch bei unsachgemäßer Handhabung und unvorhergesehenen Ereignissen erleichtern sie bisweilen eigentlich nur eins: Die frühzeitige Beförderung ins Jenseits.
Dass der 19-jährige J.-D. neulich mit seiner Hand in die Holzschneidemaschine geraten ist, ist noch eine der harmloseren Geschichten, und gehört – so hart es sich anhören mag – zu den üblichen Ereignissen einer Woche. Berufe, die mit vollem Körpereinsatz ausgeübt werden, fordern nun einmal ihren Tribut: Sei es in Form einer angeschnittenen Sehne, wie in diesem Fall, oder in Form eines verlorenen Fingergliedes. Nichts besonderes also im Vergleich zu Onkel G., dessen ganzer Körper in den 50er Jahren auf dem Bauernhof unserer Verwandten in eine wesentlich größere Maschine, eine Häckselmaschine, geriet. Er sei auf der Stelle tot gewesen, erzählte man sich, und sein Foto stand denn auch noch lange Zeit auf der Anrichte unserer Verwandten.
Im Gegensatz zur Stadt herrscht in der Provinz eine größere Ehrfurcht vor dem Tod: sowohl vor dem plötzlichen Ableben als auch vor der Heimtücke, die in Form einer Krankheit den Körper befällt. Das liegt natürlich auch am Mangel anderer Themen. Dass der 89-jährige H. letzte Woche einfach "hintenüber gefallen und tot" gewesen sei, dass die alte Tante E. neulich mit dem Fahrrad gestürzt und ihr Regencape voller Blut gewesen sei, und dass bei Onkel O. ein schwerer Eingriff bevorstehe – das sind die Themen, die ganze Kaffeekränzchen der Damen aus dem Dorf füllen. Für gewöhnlich sind auch Dorfgemeinschaften wegen der räumlichen Nähe in sich festere und geschlossenere Systeme als Stadtbekanntschaften, die oft mehrere U-Bahn-Stationen voneinander entfernt leben. Dass jemand aus der Mitte gerissen wird, ist auf dem Dorf deutlicher spürbar.
Wenn man sich hinter vorgehaltener Hand zuraunt, dass Tante Martha von gegenüber inzwischen „ja nur noch liege“, geschieht das immer aus zweierlei Absicht: Zum einen, um den erleichternden, wohligen Grusel zu spüren, dass das Schicksal eine Hausnummer weiter geklingelt hatte, und man selbst verschont geblieben ist. Zum anderen aber auch als Warnung: Das Dahinsiechen und die Krankheit sind da, sie sind unter uns, und schlagen mit aller Kraft zu. Vielleicht ist man selbst schon der nächste.
Der Kranke und Bettlägerige sowie der durch einen Unfall plötzlich Verstorbene sind in der Provinz zweifelsohne mythische Gestalten: Sie alle ringen mit einer übernatürlichen Macht. Derjenige, der beispielsweise „den Kräps“ besiegen konnte, wird zum Märtyrer. Verliert man diesen Kampf, schlug die Macht eben mit ungewöhnlicher Härte zu. Diese übernatürliche Macht ist in der Vorstellung der gläubigen Dorfbewohner natürlich Gott, der am Tag des Todes unglücklicherweise anderweitig auf der Welt beschäftigt war. Möglicherweise habe er – so tröstet man sich dann – auch einen besonderen Grund gehabt, den Verschiedenen besonders schnell zu sich zu holen.
Meine Oma beispielsweise hat ihren zum damaligen Zeitpunkt etwa 40-jährigen Vater eines Abends zusammengebrochen, möglicherweise auch blutüberströmt (da ist man sich nicht sicher), im Kuhstall gefunden. Man habe nichts mehr für ihn machen können, sagte sie, die zu diesem Zeitpunkt ein kleines Mädchen war. Je brutaler und heftiger der Tod, umso größer die Ehrfurcht vor dem Toten, denn die Macht, der Tod, muss in diesem Fall unerbittlich gewesen sein. Ein solcher Tod ist wie eine Probe für die Angehörigen, die über sie kommt wie ein Gewitter, und die es zu bestehen gilt, was meine Oma denn auch auch tat. Sie war zweifelsfrei ein harter Knochen.
Die Bösartigen unter den Dorfbewohnern sehen eine Krankheit als Strafe für frühere Vergehen oder als Folge falschen Verhaltens. So starb eine Freundin meiner Oma als Teenager an einer Lungenentzündung. Eine ungewöhnliche Krankheit für einen so jungen Menschen, und so vergaß meine Oma auch nie, auf Umstände und Ursache der Krankheit hinzuweisen. Die unbekümmerte H. sei im tiefsten Winter, als der Schnee meterhoch lag, immer mit einem weit geöffneten Mantel herumgelaufen. Da könne ich einmal sehen, was passiere, wenn ich im Winter den Mantel nicht schließe, pflegte meine Oma dann zu sagen. H. war eigentlich selbst Schuld an ihrem Tod, hätte sie auch sagen können. Als ob das heute überhaupt noch eine 13-Jährige macht: Mit einem Mantel herumlaufen.
Im Gegensatz zum plötzlichen und brutalen Tod, der ausschließlich eine Sache der Provinz ist, sind Modekrankheiten eine Sache der Stadt. Großes Erstaunen löste es zum Beispiel aus, als bekannt wurde, dass die erst 11-jährige F. aus der Siedlung magersüchtig sei. Auch, dass die Seele erkranken kann, wird in der Provinz als Ausnahmeerscheinung angesehen und meist belächelt. Die nächste therapeutische Praxis ist erst eine halbe Stunde mit dem Auto entfernt.
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Auf der Suche nach Ortsgesprächen
30.01.2007, 13:53 Uhr
Im vergangenen Jahr hat der Berliner Autor und Journalist Florian Illies sein jüngstes Buch, "Ortsgespräch", veröffentlicht. Darin beschreibt er das Leben in seinem hessischen Heimatort Schlitz und erzählt von all den kleinen Absonderlichkeiten, die sich in der Provinz ereignen können. Illies schreibt über seine Tante Do im Schwarzen Grund 17, erzählt, wie er als Junge euterwarme Milch vom Bauernhof abholte, und berichtet, dass schon mal die Polizei an der Tür klingelt, wenn der Bruder lange Haare trägt und von den ängstlichen Damen im Dorf nicht mehr erkannt wird.
Mit dem Osthessischen kenne ich mich zwar nicht aus, wohl aber mit dem Nordwestniedersächsischen. Auch ich wuchs irgendwo in der Provinz auf, in einem Dorf mit unzähligen Kühen, Pferden und Hühnern. In Niedersachsen sollen mehr Schweine als Menschen leben, konnte man kürzlich lesen - ich würde es ungeprüft bestätigen. Die Dörfer heißen dort Specken I und II, Ofen, Wehnen, Rostrup und Edewecht, und dass der deutsche Astronaut Thomas Reiter aus dem Nachbardorf Rastede kommt, macht die Sache auch nur unwesentlich glamouröser.
Aber welche kleinen Geschichten kommen aus der Provinz, was erzählt man sich, was macht das Besondere an Dörfern aus, die irgendwo zwischen riesigen Feldern liegen? Kathrins corner will versuchen, darauf Antworten zu geben.
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Das wundersame Gerät des Herrn F.
01.02.2007, 20:41 Uhr
Es ist noch nicht allzu lange her, da erzählte mir Freundin P., die in einer sehr ländlichen Region des Saarlandes aufgewachsen ist, die Geschichte von einem wunderlichen alten Mann, Herrn F.: Im Wohnzimmer seines kleinen Hauses stehe ein kleines Gerät, mit dem der 81-Jährige den Ohrenschmalz verflüssigen könne. Nicht wenige Saarländer, die bereits nicht mehr so gut hören könnten, kämen von weit her zu seinem Haus am Waldrand, um sich von ihm heilen zu lassen.
Die Prozedur spiele sich in etwa wie folgt ab: Man setze sich auf das Sofa, direkt neben das Gerät. Herr F., der nicht mehr ganz so gut zu Fuß ist, käme dann in seinen ausgetretenen Pantoffeln angeschlurft, beuge sich über das Gerät und drücke ein paar Knöpfe. Wenn das Gerät das Ohr, beispielsweise das linke, dann erwärmt habe und der Schmalz flüssig sei, müsse man sich nur zu Seite lehnen, so die P., auf dass er in ein Behältnis, das Herr F. bereithalte, abfließen könne. Die meisten Patienten könnten danach angeblich wesentlich besser hören.
Das habe sich über die Jahre auch in den übrigen Dörfern herumgespochen, erzählte die Freundin, und so könne sich Herr F. zusätzlich zu seiner kleinen Rente noch ein Taschengeld erwirtschaften. Das Sparschwein aus Porzellan, das er neben das Gerät gestellt habe, meinte die P., sei zumindest immer gut gefüllt.
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