kathrins corner

An der Theke mit Ariadne

28.03.2007, 12:45 Uhr

Katjusha fragt: "Wie findest Du das Buch? Kathrins Corner antwortet:

Also, ich finde das neue und erste Buch von Ariadne von Schirach "Der Tanz um die Lust" eher so lala. Die ersten Kapitel fand ich gut: Es geht um die Pornographisierung der Gesellschaft und was sie mit uns Menschen macht, es geht um die Liebe der modernen Großstädter und deren Beziehungslosigkeit. Die ersten Kapitel sind sehr traurig - und leider auch sehr wahr. Wie von Schirach habe auch ich nie verstanden, warum sich manche Frauen T-Shirts anziehen, auf denen "Schlampe" steht, und diese unsäglichen Sex-Ratgeber in Frauenzeitschriften, die Sex irgendwo zwischen Hochleistungssport und Baukastensystem verorten, finde ich auch schrecklich.

Ob nun immer mehr selbst gedrehte Pornos ins Internet gestellt werden oder Dinge wie Internetanschlüsse mit einer attraktiven Frau beworben werden: Ja, wir leben in einer sexualisierten Gesellschaft. Frauen müssen immer wollen und Männer müssen immer können - und wer das Klassenziel nicht erreicht, der möge sich bitteschön bemühen und seinen Körper zumindest im Fitnessstudio der gesellschaftlichen Norm anpassen.

Das alles ist sehr richtig beobachtet und auch sehr traurig - auch wenn die Sprache bisweilen sehr, nun ja, direkt ist und eigentlich eher der Haltung entspricht, die kritisiert wird. Neu sind von Schirachs Erkenntnisse aber auch nicht. Trotz ihrer Kritik weiß sich aber auch die 28-jährige Autorin der erotischen Strategien zu bedienen und posiert für das Cover mit hübsch geschminktem, leicht geöffnetem und sinnlichem Mund. Noch irritierender fand ich allerdings ihr Namenskettchen.

Der zweite Teil des Buches rutscht allerdings zu sehr in eine fast belanglose Thekenplauderei ab. Inzwischen sind mit die Eisprinzessin, SusiPop, Flexter und Vince, die Freunde der Autorin, fast zu guten Bekannten geworden. Sie hängen auf Partys herum, sitzen beim Vietnamesen und trinken viel Vodka in Bars. Das alles findet - natürlich - vor allem in Berlin-Mitte und im Prenzlauer Berg statt. Viel Platz nimmt ein Mann namens Tim ein, der erobert werden will, und was er gesagt hat und wie er geguckt hat und mit welcher Frau er dann wie geredet hat.

Mir ist der Essay, eine Mischung aus Gesellschaftsanalyse und privater Partyplauderei, zu ungestüm, zu wuselig und zu inkonsequent. Es gibt viele Ausrufezeichen!! und die drei Punkte, die alles sagen aber auch alles verheimlichen sollen... Das Niveau bewegt sich zwischen Sätzen wie "Auf dem Klo kam ich wieder zu mir. Es war Zeit, einen doppelten Vodka zu trinken" und "Der französische Philosoph Baudrillard sagt dazu:". Das kommt immer ein bisschen plötzlich daher: Übrigens, ich hab auch Walter Benjamin gelesen.

"Der Tanz um die Lust" ist voller Assoziationen, vieler angefangener Gedanken und vieler eingestreuter Zitate von Wissenschaftlern. Aber durchgehalten wird keines von allen. Ob mir Dussmann wohl das Geld für das Buch zurückgibt - auch ohne Quittung?

Kommentare (3)


(arboretum, 04.04.2007, 21:54 Uhr #)
Schade, die Spam-Filter sind hier so konfiguriert, dass meine Kommentare nicht akzeptiert werden. Selbst wenn ich "böse" Wörter nur mit Sternchen schreibe.

arboretums Kommentar
(kathrins corner, 05.04.2007, 14:22 Uhr #)
So, jetzt hat es endlich geklappt: Mit vielen * konnte nun auch arboretums Kommentar veröffentlicht werden. Der Spam-Filter hat sich auch an dem Wort An*lyse gestört.


(arboretum, 05.05.2007, 12:35 Uhr #)
Unlängst hörte ich in einer (begeisterten) Rezension im Deutschlandradio, die Autorin habe festgestellt, alles werde heute mit Frauen und Se* verkauft. Der Rezensentin schien das eine bahnbrechende Erkenntnis zu sein. Das hat mich etwas verwundert, denn so neu ist diese Werbestrategie nun nicht. Alles schon einmal da gewesen in den 70ern. Aber vielleicht ist die Autorin einfach zu jung und die Rezensentin zu vergesslich, um sich daran noch zu erinnern.

Was die restliche gesellschaftliche Ana*lyse betrifft, so scheint mir das Buch "Verse*xt" von Linda Grant die lohnendere Lektüre zu sein.

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