Tristesse Neukölln
10.06.2006, 11:18 Uhr
Ich habe nicht gerne in Neukölln gewohnt. Doch immerhin habe ich es dort zwei Jahre ausgehalten, bis ich in einen anderen Stadtteil zog. Grund für den Umzug war nicht nur Neukölln. Meine 30 Quadratmeter große 1-Zimmer- Wohnung wurde mir bald zu klein, sie war zu kalt und lag zu weit von einer U-Bahn-Station entfernt.
Ich kann mich nicht beschweren. In meinem Haus gab es nie Ärger, und auf der Straße wurde ich nie bedroht. Das, wofür Neukölln in den vergangenen Wochen in der Presse stand – gewalttätige und kriminelle Jugendliche –, habe ich glücklicherweise nie selbst erfahren. Was mich störte, war die Tristesse. Doch ein Viertel wie Neukölln gibt es in jeder größeren Stadt.
Ich wohnte in einer sehr ruhigen Gegend, ohne Geschäfte und Cafés, fernab vom Trubel der belebten Karl-Marx- Straße. Das Haus, in dem ich wohnte, war eigentlich das schönste in meiner Gegend. Mit seinen weiß getünchten Mauern und den blauen Fensterrahmen stach es heraus aus der Masse des Einheitsgraus. Die anderen Häuser hatten ihre letzte Renovierung schon lange hinter sich, ihre Farben gingen alle einen Ton ins Schmuddelige. Hinter einige der schmutzigen Fenster hatten die Bewohner Pappe oder Plastiktüten geklebt, weil sie sich nicht anders zu helfen wussten, manche Fenster waren von Pflanzen zugewuchert.
Wie gesagt, in meinem Haus gab es nie Ärger. Eigentlich hätten eher meine Nachbarn oft genug den Grund gehabt, sich bei mir zu beschweren, da ich oft laut Musik hörte. Aber vielleicht ist das gerade typisch für Neukölln: Die Nachbarn sind einem egal. In den ganzen zwei Jahren klopfte nur zweimal jemand an das Heizungsrohr, was mir wohl bedeuten sollte, die Musik leiser zu machen.
Über mir wohnten zwei junge Männer, die sehr nett waren. Gegenüber wohnte Frau D. Sie war über 90 Jahre alt und hatte seit dem Tod ihres Mannes vor fast zehn Jahren nicht mehr ihre Wohnung verlassen. Zweimal täglich kam ein Sozialbetreuer. Ihre Tochter wohnte in Magdeburg, aber die habe sie schon seit Jahren nicht mehr gesehen, sagte sie. Unter mir wohnte Herr H., aber eigentlich weiß ich gar nicht, ob es ein Mann oder eine Frau war, da ich ihn/sie nie gesehen habe. Den Geräuschen nach zu urteilen, die aus der Wohnung kamen, war es aber ein Mann.
In meinem Haus wohnte auch ein junges Pärchen, das ich regelmäßig sah, wenn es seine beiden Pitbulls Gassi führte. Ganz unten im Erdgeschoss hatte ein Mann ein Schild mit der Aufschrift „Steuerbüro“ an seine Tür genagelt. Seine besten Zeiten hatte das „Steuerbüro“ allerdings schon hinter sich. Klienten habe ich nie durch die Tür gehen sehen, und sicher hätten sie auch nicht gerne Platz genommen in seiner Wohnung, in der den ganzen Tag die Rolladen heruntergezogen waren. Gleich nach Helloween hatte seine Frau einen Zettel an ihre Haustür gehängt. Ihren Kranz, den wohl Kinder von der Tür geklaut hatten, solle man doch wieder zurückbringen, stand da, er sei ein Erbstück ihrer Mutter. Nach einer Woche nahm sie den Zettel wieder ab. Der Kranz hing nicht dort.
Gleich neben meinem Haus war ein Kindergarten. Jeden Morgen frühstückten die Kinder gemeinsam mit ihren Betreuern, und mit dem Kita-Bus fuhren sie danach ins Umland oder spielten auf dem Spielplatz hinter dem Haus. Etwa zwanzig Kinder kamen regelmäßig: Morgens kamen die Kleinen, nachmittags die Großen zum Hausaufgaben machen oder einfach nur zum Spielen; Kinder aus Migrantenfamilien, die einen Großteil der Neuköllner ausmachen, habe ich dort nie gesehen.
Vorn an der Ecke war das Pilseck, das von einem Dalmatiner bewacht wurde und in dem schon mittags Bier an die zwei oder drei Männer und Frauen ausgeschenkt wurde, die am Tresen saßen. Im selben Haus musste ich auch mal ein Päckchen abholen. Es war Winter, es war abends, nur wenige Lichter in dem Haus waren überhaupt an. Ich stieß die Tür auf, nachdem ich den Namen des Mannes, der mein Paket angenommen hatte, am Klingelschild nur erahnt und er mir durch die Sprechanlage entgegengebellt hatte. Das Treppengeländer wackelte, der Putz kam von den Wänden, das Haus wirkte wie ein Geisterhaus. Dass mich der Mann mit Jogginghose, vergilbtem Unterhemd, unrasiert und mit eingefallenen Wangen auf dem Treppenabsatz erwartete, machte es nicht einfacher.
Die Straßen in meiner Gegend waren meist schlecht beleuchtet. Oft waren die Halogenleuchten, die in manchen Wohnungen Pflanzen beschienen, heller, als die Straßenfunzeln. Normalerweise habe ich keine Angst, nachts im Dunkeln nach Hause zu gehen. Kommt mir aber nachts um zwei Uhr in einer einsamen Gegend und einer noch spärlicheren Beleuchtung ein Mann entgegen, der mir hinterherpfeift, Schmatzgeräusche macht oder mich anspricht, macht mir das sehr wohl Angst.
Ein wenig unheimlich waren mir oft auch die Jugendlichen, die in Gruppen durch die Straßen liefen oder sich auf den U-Bahnhöfen Rathaus Neukölln, Hermannplatz oder Kottbusser Tor aufhielten. Ein Einkauf im P*nny-Markt am Hermannplatz wurde so manches Mal zum akustischen und nervlichen Super-GAU. Martialisch-breitbeinig nahmen manche Jungs den Raum für sich ein: So laut und roh, wie ihre Sprache war, so ausladend waren ihre Bewegungen. Während aus ihren Handys Musik schepperte, schubsten sich an den Schultern und gingen aufeinander los, da manche gar nicht wussten, wohin mit der vielen Energie. Mir war das alles zu laut und zu aggressiv.
Aber ich kann mich wirklich nicht beschweren. Ich wurde nie bedroht und bin nie in eine gefährliche Situation geraten. Grund, wirklich Angst zu haben, hat eigentlich nur Frau Feli , die auch in Neukölln wohnt. Aber das ist eine andere Geschichte, die am besten sie selbst erzählt.
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