Über Blogs. Eine Verteidigungsschrift
13.08.2007, 23:01 Uhr
Ich kann sie nicht mehr lesen, diese ewigen Berichte darüber, dass Weblogs in Deutschland angeblich nicht wichtig sind. Stefan Niggemeier hat sich den jüngsten Nörgler vorgenommen: Johannes Boie, der in der SZ unter der Überschrift "Im Netz nichts Neues: Deutsche Weblogs bewegen weniger, als man denkt" die deutsche Blogosphäre abwatscht. Versprochen wird ein "Einblick in geschlossene Gesellschaften und irrelevantes Geschwätz, das niemand liest".
Noch immer werden Blogs ein wenig abfällig als "privat geführte Tagebücher" im Internet bezeichnet. Das ist - übers Knie gebrochen - der kleinste gemeinsame Nenner von Weblogs. Mein Blog ist wie eine Zeitschrift, in der ich meine eigene Chefredakteurin bin. Ich kann von meinen Geheimnissen erzählen, ich kann über meine jüngste Reise schreiben, einen Film verreißen, über Internetpolitik schreiben oder mich über ärgerliche Berichte in den Medien auslassen. Ich kann Überschriften wählen, wie sie keine Zeitung drucken würde, ich kann Geschichten veröffentlichen, ohne einen Verleger suchen zu müssen, und ich alleine bestimme, wie lang meine Texte sind. Mit ein paar einfachen Klicks kann ich ratzfatz bei einem Blog-Anbieter mein eigenes Blog eröffnen - völlig egal, ob ich in Berlin, New York, Rüsselsheim oder irgendwo in Südafrika lebe. In China mag sich die Lage schwieriger darstellen.
Ein Blog ist eine feines Gerät, um Hallo zu sagen. Hallo Welt, hier bin ich und das habe ich zu sagen - und wer mag, kann gerne mitlesen. Blogs sind demokratische Medien: Sie fördern eine stärkere Sichtbarkeit dessen, was auf der Welt passiert, und wenn sie sehr gut sind, schauen sie sogar den Mächtigen auf die Finger. Unter dem Pseudonym "Salam Pax" berichtete im Jahr 2003 ein damals 29-jähriger irakischer Architekt unzensiert über die US-Invasion in den Irak. Die Einträge seines Blogs wurden inzwischen als Buch veröffentlicht und auch der britische "Guardian" beschäftigt den Blogger regelmäßig.
Auch der US-Soldat Colby Buzzell berichtete über seine Erfahrungen zur Zeit nach der US-Invasion in den Irak. Auf Anweisung des Pentagon musste er zunächst einige US-kritische Postings löschen. Auch seine Blog-Einträge wurden als Buch veröffentlicht. In dem SZ-Artikel heißt es, dass sich die Medienlandschaft in den USA stark von der in Deutschland unterscheidet und dass in den USA ein stärkeres Interesse an ungefilterten Nachrichten bestehe. Aber auch Deutschland hat seine Aufdecker: 2004 hat Spreeblick dem Klingeltonanbieter Jamba gehörig auf die Finger geklopft .
Die Nörgler fragen nun: "Und der ganze Katzen-Content, was hat der im Internetz zu suchen? Das will doch keiner lesen!" Natürlich, auch ich habe schon manches Blog nur einmal überflogen und dann nie wieder. Warum? Ganz einfach: Es entsprach nicht meinem Geschmack, es interessierte mich nicht. Natürlich ist nicht jedes Blog gleich "gut" und nicht jedes Blog hat tausende Leser. Aber das muss auch nicht sein, da es beim Bloggen meiner Meinung nach um etwas anderes geht: So "irrelevant" das jeweilige Blog für "die Gesellschaft" sein mag, so wichtig ist es für den Einzelnen.
Ich habe schon Blogs gelesen, in denen Teenager von ihren Partys erzählten, oder in denen jemand einen gaaaanz tiefen Einblick in sein Gefühlsleben gab, und ich habe auch Blogs gesehen, in denen Herrchen und Frauchen Fotos ihrer Katzen gepostet haben. Mich muss nicht jedes Blog interessieren, aber jedes Blog hat ein paar Leser, die es interessiert. Manche halten so zu Freunden Kontakt, andere haben ganz einfach Spaß an der Kommunikation und am Erzählen. Vielleicht wird kein Cat-Blog jemals in die Deutschen Blogcharts einsteigen. Mag sein. Entscheidend ist jedoch etwas anderes: Diese Schreiber haben begriffen, was Öffentlichkeit heißt. Sie wollen mitmachen beim Erzählen. Sie haben das Medium verstanden.
Bei Madame Modeste lese ich wunderbar erzählte Geschichten, bei Moni erfahre ich so viel über das Leben mit einem Autisten, wie ich es in meinem Alltag nie erleben würde, London Leben berichtet vom Leben in einer aufregenden Stadt und bei Stefan Niggemeier kann ich nachlesen, wie es in Anrufsendungen zugeht.
Egal, welches Blog man am liebsten liest: Das alles gibt es für umme, für lau, das alles ist gratis, kostet nix. Das einzige, was ich zum Lesen und Schreiben benötige, ist ein Computer und ein Internetanschluss oder ein bisschen Geld für den Gang in eine Bibliothek oder ein Internetcafé. Ich kann sie irgendwie verstehen, die ewigen Nörgler: Man kann ein erfolgreiches, gern gelesenes Blog betreiben, ohne viel Geld investieren zu müssen, ohne eine lange Ausbildung gemacht zu haben, ohne einen finanzstarken Verlag zu haben und ohne auch nur irgendjemanden um auch nur irgendeine Erlaubnis bitten zu müssen.
Es mag sein, dass sich Weblogs in Deutschland noch nicht so etabliert haben wie in anderen Teilen der Erde. Aber sage noch einer, dass Blogs in Deutschland keine gesellschaftliche Relevanz hätten.
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Kommentare (4)
(frauniepi, 15.08.2007, 10:42 Uhr #)
mir gefällt dieser eintrag sehr gut, weil ich ebenso empfinde.
ich finde gerade diese vielfalt ist das spannende an blogs. es stört mich überhaupt nicht, wenn leute über ihre katze schreiben, denn ich muss es ja nicht lesen.
ich lese blogs, weil sie aus den unterschiedlichsten gründen für mich interessant sind. bei manchen habe ich auch schon eine pause eingelegt, weil die beiträge für mich nicht mehr paßten, nur um das blog nach einem halben jahr wieder für mich zu entdecken.
es ist noch immer schwer dieses medium den leuten zu erklären. ständig soll ich rechtfertigen warum ich blogge und das meist leuten gegenüber, die gar keine blogs lesen. da ist noch immer diese "kenn ich nicht, brauch ich nicht" haltung in den köpfen, bis sie mal auf ein blog stoßen, dass ihre ansichten und interessen widerspiegelt. der sogenannte aha effekt!
ps: ich wollte noch schreiben, dass ihr rss feed bei mir (google reader) nicht funktioniert. die überschrift des posts ist zu sehen, als text steht dann aber nur null. tatsächlich das wort null.
Wow!
(Katja B. , 17.08.2007, 12:11 Uhr #)
danke für diesen schönen text. denn solltest du in sämtlichen deutschsprachigen feuilletons veröffentlichen! seit ich einen blog geschenkt bekommen habe, bin ich als (lokal-)journidame noch inspirierter! ich suche mir für meine blogroll jene blogs zusammen, die ich gern lese, also auch vor allem zürcher blogs, die über die stadt berichten. über den blog zueri-berlin hab ich erfahren, dass es in zürich einen so genannten berlin-stein gibt, der die städte verbindet. ich hab im tagblatt nach recherchen im stadtarchiv darüber berichtet und den blog erwähnt, worauf sich ein aktivist von damals meldete, über den das tagblatt wiederum berichtete. zueri-berlin postete wiederum die tagblatt-artikel. da soll also noch einer sagen, blogs hätten keine gesellschaftliche relevanz.
Danke,...
(kathrins corner, 17.08.2007, 19:00 Uhr #)
liebe Frau Niepi und liebe Katja B.! Ja, Blogs sind eine unglaubliche Bereicherung. Und um den rss-Feed kümmere ich mich.
Hype vs. Irrelevanz
(Sarah, 19.08.2007, 14:45 Uhr #)
Mir gefällt die feurige Verteidigungsschrift ebenfalls sehr und die Relevanz von Blogs-Diskussion ist leidig.
Dass sie so emotional geführt wird, dürfte nicht wenig damit zu tun haben, dass das Aufkommen von Blogs das Selbstverständnis von Journalist/innen verändert hat (manche fühlten sich dadurch bedroht, dass nun das Informationsveröffentlichungsmonopol gewissermassen geknackt wurde, manche andere sahen in Blogs eine weitere Publikationsspielwiese und zudem Blogs als praktisches Inspirations- oder Recherchemittel für Beiträge in klassischen Medien).
In der Politik gab es hochtrabende Vorstellungen, was mit dem neuen Medium alles verändert und revolutioniert werden könne: neue Partizipationschancen! Demokratische Revolution! Eine gewisse Ernüchterung tritt auch da ein, da - mit wenigen Ausnahmen wie z.B. der genannte Salam Pax - in der Regel jene Blogs von klassischen Medien aufgegriffen werden, hinter welchen Journalisten und Politikerinnen stecken.
Interessant ist auch, dass bloggende Medienschaffende erwiesenermassen die Relevanz von Blogs höher einstufen als solche, die nicht selber bloggen.
Zum Irrelevanz-Argument hat im Übrigen der Blog-Forschungspapst Jan Schmidt einiges zu sagen.
Und auch dieser Artikel - wenn auch schon älter und leicht zynisch - ist empfehlenswert.
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